„Arbeit macht frei“, sagte mein Kollege kürzlich zu mir mit einem Lächeln. Fairerweise sollte ich erwähnen, dass dies aus seinem englischsprachigen Munde kommend wie „Arbitt makt fwei“ klang und dass dieser Äußerung ein „Aktung!“ (sprich: Achtung), „Mein Gott“ sowie „Ik spreke ein bisken Deutsch“ vorausgegangen war.
Dennoch war ich zunächst sprachlos, als mir diese Worte inmitten meines ansonsten weitestgehend von Deutschem unbelasteten australischen Alltags zu Ohren kamen.
Dass meinem Kollegen Kontext und Konnotation dieses Spruchs gänzlich unbekannt waren, war für mich sofort klar – es handelt sich hier um einen durch und durch ehrenwerten Menschen, den ich beruflich und privat sehr respektiere. Nichts läge ihm ferner, als mit der berüchtigten und fraglos infamen Lüge der Nazis herumzualbern. Dementsprechend betreten und zugleich dankbar war er, nachdem ich ihm wenige Minuten nach unserem Gespräch mithilfe einer diskreten Email den Sachverhalt erläutert hatte.
Wie es der Zufall will, beschäftigte ich mich wenige Stunden später erneut mit Aufklärungsarbeit in Sachen Holocaust. Denn als ich einem anderen Kollegen das tags zuvor veröffentlichte YouTube-Video zu „Kölsche Jonge“, meinem neuen Buch, zeigte, musste ich ihn sanft korrigieren und darauf hinweisen, dass es sich bei der Nazizeit nicht um eine Phase in den „1940s and 1950s“ handelte, sondern dass diese bereits Anfang der 1930er Jahre begonnen hatte und 1945 endete.
Unfassbar? Schockierend? In Deutschland vielleicht – oder gar gewiss. In meinem australischen Leben seit 1997 hingegen stehen diese Anekdoten stellvertretend für ein weit verbreitetes Phänomen, selbst unter vielen vermeintlich Gebildeten, denen ich begegne.
Ist das nicht schrecklich? Ganz im Gegenteil, stelle ich erstaunt fest. Überraschend, ja, das war es allerdings zunächst und gewöhnungsbedürftig für mich als Kind zweier Überlebender des Holocaust. In meinen ersten Jahren in Australien musste ich feststellen, dass die beim näheren Kennenlernen von mir bereitgestellten Kurzinformationen zu meinem „deutsch-jüdischen Hintergrund“ in den meisten Fällen eine für mich bis dahin gänzlich unbekannte Reaktion hervorriefen – nämlich keine.
Aus deutscher Sicht mag an dieser Naivität bzw. Ignoranz zahlreicher Australier hinsichtlich des Holocaust – und ich kann die jüngere Generation unter meinen jüdischen Bekannten hier nicht ausschließen – einiges zu bemängeln sein. Für mich jedoch ist dieser Umstand in den vergangenen zwölf Jahren derart befreiend gewesen, dass er mir ermöglicht hat, was zuvor unvorstellbar war: mich endlich vollends auf mein deutsch-jüdisches Erbe zu konzentrieren. Das Ergebnis sind zwei Bücher über die Kindheit und Jugend meiner Eltern.
Was ich hier zur Holocaust-Ignoranz zahlreicher Australier äußere, ist jedoch nur die berühmte Kehrseite der Medaille. Wende ich die Münze, so erblicke ich zum einen die hiesige, aus meiner Sicht im Vergleich zu Deutschland wesentlich selbstverständlichere Akzeptanz „jüdischer Mitbürger“ im gesellschaftlichen Leben. Sie macht sich für mich vor allem daran fest, dass ich in der Regel nur durch Zufall oder „Insider“-Informationen davon erfahre, dass die eine oder andere prominente Persönlichkeit „jüdischer Herkunft“ ist. Auch dies hat sich für mich als ungeheuer befreiend erwiesen – nicht unentwegt über die Floskeln vom „jüdischen Elternhaus“, von der „jüdischen Herkunft“, vom „jüdischen Glauben“ stolpern zu müssen.
Und schließlich noch dies: Fast immer, wenn ich mit deutschen Bekannten (oder zunächst Unbekannten) über meine Recherche der beiden Bücher spreche, konzentrieren sich diese beharrlich auf die historische Retrospektive, äußern also großes Interesse an dem, was damals geschah, wem es geschah, wie es geschah. Natürlich ist dies äußerst wichtig und entspricht meiner eigenen Beschäftigung mit dem Thema. Was mir jedoch ein ums andere Mal auffällt, ist, wie anders entsprechende Gespräche im australischen Umfeld verlaufen. Denn hier paart sich stets das Interesse an den historischen Ereignissen mit einer großen Neugier auf die Geschichte(n) zur Geschichte, also darauf, was nach dem Holocaust geschah, wie es für mich und meine Familie war, danach in Deutschland zu leben, und welche Erfahrungen ich im Verlauf meiner Recherche gemacht habe.
Womöglich können und dürfen es die „nicht-jüdischen Deutschen“ nicht anders – sie müssen und sollen sich stets zurückbesinnen. Doch aus der geografischen Ferne, die mir eine neue Perspektive auf alte Befindlichkeiten beschert hat, frage ich mich bisweilen mit Wehmut, ob meine ideale Kombination von deutscher „Holocaust-Aufarbeitung“ und australischem zukunftsorientiertem Gemeinschaftsempfinden jemals Realität werden könnte.
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* Die Bezeichnung „the lucky country“ für Australien stammt aus den 1960er Jahren und war ursprünglich ironisch gemeint. Sie wird heutzutage jedoch zumeist als Inbegriff der von der Mehrheit der (nicht-indigenen) Bevölkerung - vor allem Einwanderern - wahrgenommenen Vorteile des Landes benutzt, insbesondere hinsichtlich des Klimas, der Lebensqualität sowie der politischen und wirtschaftlichen Stabilität.
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Über Ruth Bader
Ruth Bader ist die Tochter zweier Überlebender des Holocaust. Sie wurde 1967 geboren und wuchs am Niederrhein auf. Nach einem Studium und ersten Berufsjahren in Berlin wanderte sie 1997 nach Australien aus.Im Juni 2008 veröffentlichte sie die Kindheitserinnerungen ihrer Mutter, Edith Devries, unter dem Titel »Nicht mit zu hassen, mit zu lieben bin ich da«.
Im Juli 2009 erschien basierend auf den Kindheitserinnerungen ihres Vaters und Onkels »Kölsche Jonge«.




